Zukunftsmusik I
für 14 Streicher (4-4-3-2-1) (2025)
- für das Mendelssohn-Kammerorchester Leipzig –
( … ein kleines Baumpilz-Mycelium)
UA im Rahmen des Projektes des Sächsischen Musikbundes
Chemins – In Memoriam Luciano Berio
Konzert mit dem Mendelssohn-Kammerorchester Leipzig
Kompositionen von Luciano Berio, Christian Diemer, Knut Müller, Steffen Reinhold, Thomas Leppuhr, Friedemann Stolte und Christian FP Kram
So, d. 23. November 2025, 17 Uhr
Dresden, KulturKirche Weinberg Trachenberge, Albert-Hensel-Str. 3
Mo, d. 24. November 2025, 19 Uhr
Leipzig, Stadtbibliothek, Wilhelm-Leuschner-Platz 10/11
Weitere Aufführung:
im Konzert des
Jungen Ostdeutschen Kammerensemble – „JOKE“
Ostermontag, d. 06.04.2026
um 17 Uhr
Neue Kirche Potsdam-Golm, Geiselbergstr. 52, 14476 Potsdam-Golm
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(for English version see below)
Ein echtes Myzelium ist ein erstaunlicher Organismus. Es steht der Komposition Pate wegen der unglaublich komplexen Verwobenheit vieler Einzelteile und ihres sich ständig verändernden Austausches untereinander. Der Pilz, der Fruchtkörper eines Myzels, ist ohne die Fähigkeit zu Photosynthese abhängig von den Nährstoffen des wurzelähnlichen, chaotisch erscheinenden und filigranen Geflechts aus Hyphen, die ihrerseits mit ihrer Umgebung verwoben sind (Bäume, Erde, Kompost usw.). Der Fruchtkörper liefert dem Myzelium seinerseits Informationen aus Licht, Chemikalien, Berührung und Klang, die er in elektrische Signale umwandelt.
Das Myzelium leitet diese Signale weiter und verbindet dadurch viele Pflanzen miteinander. Myzelien haben keine stabilen Töne wie Pflanzen oder wie z.B. ein vom Myzelium isolierter Fruchtkörper, wenn man die elektrischen Ströme hörbar macht. Die Muster dieser elektrischen Signale zeigen eine große Vielfalt und Dynamik und verschieben sich unentwegt. Das größte bekannte Myzelium mit 9 qkm Größe, ca. 600 Tonnen Masse und einem Alter von etwa 2400 Jahren gilt als größtes Lebewesen der Erde.
Ein solcher Organismus steht in krassem Widerspruch zum Wirtschafts-Konzept des Wachstums, das auf den Nobelpreisträger Robert Solow zurückgeht. Dieses schließt auch die Substituierbarkeit von „Naturkapital“ mit ein: solange wir die einzelnen Elemente durch künstliche ersetzen könnten, sei es keine Katastrophe, und schließlich bräuchten wir die Elemente für das wirtschaftliche Wachstum: uns dämmert, dass das ein Trugschluß ist, weil Einzelteile des sogenannten „Naturkapitals“ und auch wir selbst viel „vernetzter“ in systemischen Zusammenhängen sind, um ungestraft Einzelteile entnehmen zu können.
Daher beginne ich mit diesem Stück eine Reihe über „Zukunftsmusik“: als Metapher für Zusammenhänge, Ideen, Vorgänge oder Strukturen, die von einer möglichen, positiven und nachhaltigen Zukunft erzählen.
Auch die Aufstellung bezieht – der Idee des Myzels entsprechend – das Publikum ein, Publikum und Musiker:innen bilden zusammen ein Geflecht aus Hörenden und Spielend-Hörenden.
Das bringt ein neues Verständnis von Rezeption mit sich. Es gibt keinen idealen und neutralen Hörplatz für ein ‚objektiv‘ wahrnehmbares ‚Werk‘. Einige Elemente der Musik sind so leise, dass sie nur von den Nachbarn wahrgenommen werden können. Anderes entfaltet sich in größerer Reichweite. Es entspinnt sich ein für jeden sehr subjektiver Höreindruck des Ganzen, in dem die Zuhörenden zu einem Teil des Mycels werden. Sie sind mitten drin.
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A real mycelium is an amazing organism. It inspired the composition because of the incredibly complex interweaving of many individual parts and their constantly changing exchange with each other. The fungus, the fruiting body of a mycelium, is unable to photosynthesize and is therefore dependent on the nutrients provided by the root-like, seemingly chaotic, and delicate network of hyphae, which in turn are interwoven with their environment (trees, soil, compost, etc.). The fruiting body, in turn, provides the mycelium with information from light, chemicals, touch, and sound, which it converts into electrical signals. The mycelium transmits these signals, thereby connecting many plants with each other. Mycelia do not have stable tones like plants or, for example, a fruiting body isolated from the mycelium when the electrical currents are made audible. The patterns of these electrical signals show great diversity and dynamism and are constantly shifting. The largest known mycelium, measuring 9 square kilometers, weighing approximately 600 tons, and estimated to be around 2,400 years old, is considered the largest living organism on Earth.
Such an organism stands in stark contrast to the economic concept of growth, which dates back to Nobel Prize winner Robert Solow. This also includes the substitutability of “natural capital”: as long as we could replace the individual elements with artificial ones, it would not be a disaster, and after all, we would need the elements for economic growth. We are beginning to realize that this is a fallacy, because individual parts of so-called “natural capital” and we ourselves are much more “networked” in systemic contexts than we can get away with removing individual parts.
That is why I am starting a series on “music of the future” with this piece: as a metaphor for connections, ideas, processes, or structures that tell of a possible, positive, and sustainable future.
In keeping with the idea of the mycelium, the arrangement also involves the audience; the audience and musicians together form a network of listeners and players-listeners.
This brings with it a new understanding of reception. There is no ideal and neutral listening place for an “objectively” perceptible “work.” Some elements of the music are so quiet that they can only be perceived by the neighbors. Others unfold over a greater range. A very subjective listening impression of the whole unfolds for each individual, in which the listeners become part of the mycelium. They are right in the middle of it.